Da Brutreaktoren
nur mit schnellen Neutronen betrieben werden, darf kein Moderator
vorhanden sein. Als Kühlmittel kommt deshalb kein Stoff in
Frage, der die Neutronen zu schnell abbremst (moderiert). Dies
wären insbesondere Stoffe, die ein relativ geringes Atomgewicht
aufweisen. Man nutzt im Schnellen Brüter flüssiges Natrium.
Dieses Metall hat einen Schmelzpunkt von 98 °C, sein Siedepunkt
liegt bei 883 °C. Es hat bessere Wärmeübergangseigenschaften
zu den Brennelementen als Wasser, einen kleinen Einfangquerschnitt
und eignet sich deshalb besonders als Kühlmittel. Mit einer
Temperatur von 395 °C tritt es von unten in den Reaktorkern
ein und verlässt ihn wieder mit 545 °C. Da das Natrium
dabei nicht siedet, liegt der Druck im Primärkreis nur bei
etwa 10 bar, was die Bauweise des Reaktordruckbehälters im
Vergleich zu den Leichtwasserreaktoren deutlich vereinfacht.
Da das Natrium direkten Kontakt zu den Brennelementen hat, wird
es durch eine Einfangreaktion von Na-23 und einem Neutron zu Natrium-24,
welches mit einer Halbwertszeit von 14,96 Stunden zu Magnesium-24
zerfällt. Dabei wird Betastrahlung frei.
Ein zweiter Natrium-Kühlkreislauf soll verhindern, dass bei
Störfällen das radioaktive Natrium des Primärkreislaufs
mit dem Wasser-Dampf-Kreislauf in Berührung kommt, da Natrium
mit Wasser heftig unter Bildung von Natronlauge und Wasserstoff
chemisch reagiert.
Zwei Arten von Kühlsystemen
werden unterschieden:
Das in Deutschland eingesetzte Loop-System mit räumlicher
Trennung von Primärkreis, Pumpen und Wärmetauschern
Das
Loop-System im SNR 300 in Kalkar
|
und
das in mehreren anderen Ländern eingesetzte Pool-System mit
Primärkreis, Pumpen und Wärmetauscher im Reaktortank.
Das
Pool-System im Superphénix (Frankreich)
|
In
Deutschland wurde aufgrund von höheren Sicherheitbestimmungen
eine räumliche Trennung der sicherheitstechnisch bedeutsamen
Anlagenteile (Pumpen
und Wärmetauscher)
gefordert. Nur das Loop-System kann im Falle einer Zerstörung
des Reaktortankes weiter für eine kontinuierliche Nachwärmeabfuhr
sorgen, und so eine Kernschmelze sicher vermeiden.
Reaktorregelung
und Schnellabschaltung
Immer
wieder taucht in der Öffentlichkeit die Vermutung auf, Schnelle
Reaktoren
seien schwieriger zu regeln als thermische Reaktoren, weil sie
eines schnell wirksamen
Abschaltsystems bedürften. Dieser Verdacht ist unbegründet.
Die Steuerung der Kettenreaktion erfolgt sowohl beim thermischen
(Leichtwasserreaktor) wie beim schnellen Reaktor mit Hilfe verzögerter
Neutronen.
Die maßgebenden Zeitkonstanten sind bei beiden Reaktortypen
nahezu gleich, wie aus der nachfolgenden Tabelle hervor geht.
| |
|
DWR
1300 MWe
|
SNR
Kalkar
300 MWe
|
| Geschwindigkeit
Regelstabbewegung |
cm/sec |
1,0 |
1,2 |
| Geschwindigkeit
Abschaltstabbewegung |
cm/sec |
2,5 |
4,2 |
| Verzögerungszeit
bis Einsatz des Abschaltsystems |
sec |
0,2 |
0,2 |
| Zeitdauer
für vollständiges Einfallen der Abschaltstäbe
in den Reaktorkern |
sec |
2,5 |
0,7 |
| Reaktivität
Abschaltsystem |
$ |
11,0 |
10,0 |
| Reaktivität
Trimmstab-Borsystem(zum Ausgleich des Abbrands) |
$ |
19,0 |
7,0 |
| Datenvergleich
zur Reaktorregelung bei Druckwasserreaktoren und Schnellen
Brütern |
Wegen der schnellen Neutronen und des dadurch bedingten Verzichts
auf den Moderator sind Schnelle Reaktoren sogar außerordentlich
reaktivitätsstabil. Betriebliche Schwankungen von Eintrittstemperatur,
Kühlmitteldurchsatz und Leistung haben beim Schnellen Brüter
einen um mehr als eine Größenordnung (Faktor 10) kleineren
Einfluß auf die Reaktivität als bei Leichtwasserreaktoren.
So hat zum Beispiel eine angenommene Erhöhung der Kühlmitteltemperatur
im Kern um 1 K bei Leichtwasserreaktoren - je nach Abbrand - einen
Reaktivitätshub von 1 bis 10 cent (1/100 $) zur Folge, während
die gleiche Störung beim KKW Kalkar nur 0,2 cent Reaktivitätsänderung
bewirkt.
Auch
die Abschaltredundanz ist beim Schnellen Brüter höher
als bei vergleichbaren Leichtwasser- und Hochtemperaturreaktoren,
da keine Reaktivität für die Änderung der Moderatordichte
sowie für Xenon-135 bzw. Protactinium-233 verbraucht wird.
Meist genügen 1-2 Stäbe zum Erreichen der permanenten
Unterkritikalität. Da der SNR 300 jedoch 12 Abschaltstäbe
besitzt, die - je auf zwei diversitäre Systeme aufgeteilt
- bei jeder Schnellabschaltung in den Kern eindringen, kann man
von einer 4...12-fachen Redundanz sprechen.
Als
Folge des unwahrscheinlichen Ablaufs der Nichtabschaltung kann
es zu einem Schmelzen von Brennelementen kommen. Dadurch wird
die Konfiguration des Reaktors zerstört, der Reaktor schaltet
sich aber von selbst neutronisch ab. Sehr wahrscheinlich ist damit
aber keine nennenswerte Energiefreisetzung verbunden, was durch
viele weltweit
durchgeführte Analysen und Experimente bestätigt wird.
Selbst bei pessimistischen Annahmen gelangt man nur zu maximalen
Energiefreisetzungen von 100 bis 150 Megajoule (MJ).
Damit liegt man noch weit unterhalb des Wertes von 370 MJ, welchen
die Genehmigungsbehörde für das Primärsystem des
SNR 300 verlangt hat.
Die
Auslegung des SNR 300 gegen Kernzerlegungsunfälle geht also
weit über den internationalen Stand von Wissenschaft und
Technik hinaus. Dies wird besonders deutlich durch den per Auflage
erzwungenen Einbau einer externen, kühlbaren Kernfängervorrichtung,
welche die geschmolzene Kernmasse auffangen soll, falls Tank und
Doppeltank wegen eines sog. Bethe-Tait-Störfalls undicht
geworden sein sollten.
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